Auch schauen schadet schon! – Umgang mit Konsumentinnen und Konsumenten von Kindesmissbrauchsdarstellungen

Raoul BILTGEN, Foto: Philippe Matsas

"Ich hab doch nur geschaut" ist die wahrscheinlich am häufigsten gehörte Ausrede von Menschen, die sich Kindesmissbrauchsdarstellungen im Internet angeschaut haben, dabei erwischt wurden und nun nicht verstehen können, was denn daran so schlimm ist, dass sie dafür bestraft werden müssen. Die Männerberatung Wien bietet in Kooperation mit dem Institut für Forensische Therapie Psychotherapie an, um den Konsum von illegalem Bildmaterial einzustellen und auch zukünftig bleiben zu lassen. Dass man dabei versteht, warum auch "nur schauen" Kindern schadet, ist erwünschter Nebeneffekt.

Autor: Raoul Biltgen, MSc, Psychotherapeut, Sexualtherapeut, forensischer Therapeut - Männerberatung Wien, Institut für forensische Therapie, Männerberatung Burgenland

Thema April 2025

Männerberatung Logo. Raoul Biltgen

"Ich hab doch nur geschaut" ist die wahrscheinlich am häufigsten gehörte Ausrede von Menschen, die sich Kindesmissbrauchsdarstellungen im Internet angeschaut haben, dabei erwischt wurden und nun nicht verstehen können, was denn daran so schlimm wäre, dafür bestraft werden zu müssen. Die Männerberatung Wien bietet in Kooperation mit dem Institut für Forensische Therapie Psychotherapie an mit dem Ziel, den Konsum von illegalem Bildmaterial einzustellen und auch zukünftig bleiben zu lassen. Das Verständnis dafür, warum auch "Nur schauen" Kindern schadet, ist ein erwünschter Nebeneffekt.

Vielen Menschen ist nicht klar, was alles unter dem §207a StGB, der sich mit "bildlichem sexualbezogenen Kindesmissbrauchsmaterial und bildlich sexualbezogenen Darstellungen minderjähriger Personen" beschäftigt, fällt. Während die Abbildung (Fotos, Videos und ähnliches) aber auch die Darstellung (gezeichnet, KI-generiert …) von eindeutigen sexuellen Handlungen an Kindern oder Jugendlichen wohl von den meisten als "nicht in Ordnung" eingeschätzt wird, kommt es bei Bildern wie etwa FKK-Fotos oft auf den Kontext an. Ein im Urlaub am Strand gemachtes Foto muss noch lange nicht gegen das Gesetz verstoßen. Ist der Bildausschnitt aber etwa auf die Genitalien eines Kindes ausgerichtet, ist es bereits als "reißerisch verzerrt" einzustufen, es dient damit "der sexuellen Erregung des Betrachters", und liegt somit nicht mehr im legalen Bereich. Ebenso spielt das Alter der abgebildeten Personen eine Rolle. Sexting, also das gegenseitige Zusenden von intimen Aufnahmen, wird gerade unter Jugendlichen immer beliebter. Wenn diese Bilder "zum eigenen Gebrauch", also innerhalb von Paarbeziehungen verwendet werden, ist dies nicht strafbar. Sobald aber diese Bilder dritten Personen gezeigt werden, wird ein Gesetz gebrochen. Dabei machen sich viele junge Menschen entweder unwissentlich strafbar, oder sie erkennen die Konsequenzen ihres Verhaltens nicht. Gerade für diese Zielgruppe gibt es seit letztem Jahr das Angebot "sicher.net" vom Verein Neustart. Einerseits wird den Jugendlichen die Gesetzeslage vermittelt und was sie mit der achtlosen Weitergabe von intimen Bildern anrichten können, andererseits sollen sie auch davor bewahrt werden, mit einer belastenden Vorstrafe in ihr Leben zu starten.

Von Erwachsenen aber sollte man schon eher erwarten können, dass sie wissen, was sie tun. Warum tun sie’s trotzdem?

Eine pädosexuelle Neigung, also die mehr oder weniger stark ausgeprägte sexuelle Präferenz für Kinder, kann dabei eine Rolle spielen. Bei einem gewissen Anteil der Konsumentinnen und Konsumenten von Kindesmissbrauchsdarstellungen ist das der wahrscheinlich wichtigste Grund. Sie konsumieren diese Bilder so, wie sich andere Personen legale Pornografie ansehen. Der Unterschied zur Pornografie besteht allerdings darin, dass es sich bei Kindesmissbrauchsdarstellungen um – wie der Name treffend sagt – Missbrauch von Minderjährigen handelt. Das ist auch ein Grund, warum der Begriff "Kinderpornografie" nicht mehr verwendet wird. Das Mindestalter für sexuelle Handlungen ist gesetzlich geregelt, wobei es vor allem dem Schutz von Minderjährigen dient. Diese sind in ihrer (sexuellen) Entwicklung aufgrund ihres Alters noch nicht in der Lage, die Konsequenzen sexueller Handlungen richtig einschätzen zu können. Aber selbst wenn es um die weniger eindeutigen Bilder geht, ist es für viele Menschen nachvollziehbar, dass auch damit eine Form von Missbrauch stattfindet, wenn sie sich vor Augen führen, dass diese "harmlosen" Bilder eben gerade nicht als "Wichsvorlage" gedacht waren, als sie hergestellt wurden. Wir wissen aber, dass allein die Vorstellungen, dass sich irgendwo auf der Welt jemand beim Betrachten eines an sich harmlosen Bildes sexuell befriedigt, für die abgebildete Person traumatisierend sein kann. Und ist ein solches Bild mal im Netz, ist es im Grunde nicht mehr zu löschen. Ein (indirekter) Missbrauch, der ein Leben lang anhält.

Bei vielen Konsumentinnen und Konsumenten von Kindesmissbrauchsdarstellungen geht es unter Umständen nicht in erster Linie um auf Kinder gerichtete sexuelle Fantasien. Paraphilien sind sexuelle Neigungen, bei denen es um "das Extreme" geht, das, was von der Norm abweicht. Kindesmissbrauchsdarstellungen tun dies. Schmerz, Demütigung usw. allerdings auch.

Manche Klientinnen/Klienten geben sogar an, überhaupt keine sexuelle Stimulierung beim Betrachten von Kindesmissbrauchsdarstellungen zu empfinden. Lügen sie? Wenn, dann nicht unbedingt bewusst. Ja, wir können davon ausgehen, dass auch bei ihnen eine gewisse Neigung besteht, allerdings vielleicht weniger ausgeprägt als bei anderen. Und das Herunterladen kann tatsächlich auch anderen Zwecken als nur der sexuellen Befriedigung dienen. Sehr vielen dient es etwa als Ablenkung von Problemen, in Stresssituationen oder bei einem überwältigenden Gefühl von Ohnmacht gegenüber der aktuellen Lebenssituation. Während sich manche in den Alkoholmissbrauch flüchten oder depressiv werden, stellt für diese Personen das Betrachten dieses Bildmaterials eine Möglichkeit dar, für einen gewissen Zeitraum so zu tun, als ob es keine Probleme gäbe. Das "böse Erwachen" in der Realität setzt nicht selten eine Spirale in Gang, die – genau wie bei einer Sucht – nur mehr schwer zu stoppen ist. Oft erst durch eine Anzeige.

Aber nicht alle brauchen die Polizei als letzten Anstoß, um dem Teufelskreis zu entkommen. Viele wenden sich freiwillig an die Männerberatung (oder andere Institutionen in Österreich), viele tun das sogar schon bevor sie sich tatsächlich ein illegales Bild im Internet angesehen haben. Gut 50 Menschen wenden sich pro Jahr (zum Teil anonym) an die Männerberatung Wien, weil sie spüren, dass sie sich sexuell von Kindern angezogen fühlen, aber Hilfe benötigen, um diesem inneren Drang nicht nachzugehen. Schätzungen zufolge begeht etwa die Hälfte aller Menschen mit einer pädophilen Neigung nie einen realen Missbrauch. Manchen gelingt das auch ohne therapeutische Hilfe. Dies ist möglich und kommt nicht selten vor.

Ob freiwillig oder unter Zwang durch Angehörige, Institutionen oder das Gericht, es gibt verschiedene Ansätze, wie man psychotherapeutisch helfen kann, den Schritt zum aktiven Missbrauch beziehungsweise die Wiederholung davon zu verhindern. In der Täterarbeit setzt sich international mehr und mehr das Risk Need Responsivity-Modell von Andrews & Bonita durch, welches das individuelle Risiko einer neuerlichen Tat, die jeweiligen Risikofaktoren, die veränderbar sind, und schließlich die möglichen Interventionen für die Täterpersönlichkeit individuell aufschlüsselt.

In der konkreten Umsetzung bietet sich zum Beispiel das Good Lives Modell (Ward & Maruna, Laws & Eard) an. Diese Herangehensweise stellt die Vielfältigkeit all dessen in den Mittelpunkt, was dem Menschen dazu verhelfen kann, ein zufriedenes Leben zu führen. Ein Aspekt ist und bleibt die Sexualität, aber es gibt noch viele andere zu beachtende Grundbedürfnisse für ein "gutes" Leben. Gerade für Menschen, die sich ausschließlich von Minderjährigen sexuell angezogen fühlen und dementsprechend diese Form der Sexualität nicht leben können, kann diese weit breitere Sicht sehr helfen, trotzdem ein lebenswertes Leben zu führen. Dies ist umso wichtiger, als gerade Unzufriedenheiten, Stress und Frust das Risiko von delinquentem Verhalten begünstigen. Das Good Lives Modell beschreibt aber noch einen weiteren wichtigen Aspekt für die therapeutische Arbeit mit straffällig gewordenen Personen: Alle Menschen suchen Wege, um (in den verschiedenen im Modell aufgeschlüsselten Lebensbereichen) Zufriedenheit zu erlangen. Manchmal sind diese Wege aber irreführend. Es werden Mittel eingesetzt, die nicht adäquat sind, die zu straffälligem Verhalten führen und somit sogar das Gegenteil des Erwünschten bewirken. Diese und vor allem angepasste Wege zum Erreichen des ursprünglichen Ziels aufzuzeigen, bietet sehr lebensnahe Möglichkeiten der Lebensgestaltung abseits vom Gesetzesbruch.

Zusätzlich hierzu gibt es viele weitere Ansätze und Programme, die in den verschiedenen Institutionen zum Einsatz kommen. Wichtig bei allen Herangehensweisen ist eine möglichst breite Aufstellung: Wichtig bei allen Ansätzen ist eine breite Aufstellung, die einerseits schnelle Hilfsmaßnahmen bietet, um weitere Straftaten, wie den fortgesetzten Konsum von Kindesmissbrauchsdarstellungen, zu verhindern, und andererseits langfristige Veränderungen in den Einstellungen zum früheren Verhalten sichert. Ein wichtiger Punkt ist, dass besonders diejenigen, die vor der Therapie ihre Taten mit Sätzen wie "Ich hab doch nur geschaut!" rechtfertigen, erkennen, dass sie durch weiteren illegalen Konsum sich selbst und anderen massiven Schaden zufügen.

Männerberatung Logo. Raoul Biltgen

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